Warum die Georgische Kirche der Synode auf Kreta fernblieb

Mirian Gamrekelashvili

Warum die Georgische Kirche der Synode auf Kreta fernblieb

[eng: Why the Church of Georgia stayed away from the Synod in Crete

geo: რატომ არ წავიდა საქართველოს ეკლესია კრეტის კრებაზე]

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Die Orthodoxe Kirche von Georgien lehnt insbesondere das Ehedokument der Synode von Kreta ab und begründete so ihre Nichtteilnahme am Konzil. Bei der kurzfristigen Absage spielte jedoch auch die Orientierung am Verhalten der Russischen Orthodoxen Kirche eine wichtige Rolle. Erste Reaktionen auf die Beschlüsse von Kreta verheißen nichts Gutes und bergen die Gefahr, dass sich die Kirche innerhalb der orthodoxen Welt zunehmend selbst isoliert. – S. K.

Bei der Beantwortung der Frage, warum die Georgische Orthodoxe Kirche (GOK) nicht an der Synode auf Kreta teilgenommen hat, gilt es mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Vorstellung georgischer Geistlicher, Hüter der Orthodoxie zu sein, die in ihrer reinen Form nur in Georgien bewahrt werde und die durch die Veränderungen der modernen Welt gefährdet sei. Nachdem die GOK 1997 den Ökumenischen Rat der Kirchen verlassen hat,[1] wird diese Selbstwahrnehmung täglich stärker. Aufgrund der andauernden politischen Instabilität im Land verstehen sich die Hierarchen der GOK nicht nur als religiöse, sondern auch als politische Akteure. Vor diesem Hintergrund konnten ihnen kirchenpolitische Fragen im Zusammenhang mit dem Konzil auf Kreta[2] nicht gleichgültig sein. Entscheidend war vor allem die Position der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), mit der sich die GOK stark verbunden fühlt.

Russische Einflussnahme

An seiner Sitzung am 25. Mai 2016 beschloss der Hl. Synod der GOK, dass die georgische Delegation am Konzil teilnimmt.[3] Es wurde jedoch auch eine Liste mit Anmerkungen und Änderungen zu den konziliaren Textvorlagen erarbeitet und der vorbereitenden Kommission des Konzils geschickt, damit diese berücksichtigt würden. Auch die Bischöfe, die nach Kreta fahren sollten, waren schon bestimmt. Kurz danach zeichnete sich jedoch hinter den Kulissen ab, dass die ROK nicht am Konzil teilnehmen würde. Daher wurde für den 10. Juni eine neuerliche Sitzung des Hl. Synods anberaumt.[4] Bereits einen Tag zuvor hatten sich 13 Theologen in einem offenen Brief an den Hl. Synod gewandt und gebeten, dass die GOK ihre Teilnahme am Konzil auf Kreta nicht absagt.[5] Aber es war zu spät, die Entscheidung war schon im Vorfeld gefallen und vom Hl. Synod wurde die Nichtteilnahme der GOK lediglich bestätigt. Obwohl nicht alle Bischöfe mit diesem Beschluss einverstanden waren,[6] hat die Mehrheit dennoch zugestimmt. Daraufhin wandte sich Katholikos-Patriarch Ilia II. in einem offenen Brief an das Patriarchat von Konstantinopel und verlangte, das Konzil unbedingt zu verschieben.

Ob diese Entscheidung von der ROK diktiert worden ist oder nicht, ist umstritten. Sicher ist jedoch, dass die GOK die Positionen ihres nördlichen Nachbarn aufgrund mehrerer Faktoren nicht unberücksichtigt lassen kann. Dazu müssen wir auf die Geschichte zurückblicken, denn erst vor diesem Hintergrund wird die Spannung zwischen Konstantinopel und Moskau einigermaßen nachvollziehbar. Nach dem Fall von Byzanz 1453 und der Ausdehnung des Großfürstentums Moskau entstand eine Rivalität zwischen den beiden kirchlichen Zentren. Diese Auseinandersetzung kann als Streit über das „Zentrum der Orthodoxie“ bezeichnet werden. In klassischer Form wurde diese Rivalität von dem Mönch Filofej (Philotheos) von Pskov (1465–1542) ausgedrückt: Das erste Rom hätten die Barbaren niedergerungen, auch das zweite sei gefallen und nun sei die Zeit für Moskau als drittes Rom und damit auch als Zentrum der Orthodoxie gekommen. Diese, auf den ersten Blick naive Konzeption wurde später oftmals als Teil einer geopolitischen Strategie wahrgenommen und umzusetzen versucht. 1948 wurden unter Stalin alle orthodoxen Kirchen zum 500-Jahr-Jubiläum der Autokephalie der ROK nach Moskau eingeladen; dieses Treffen sollte letztlich dazu dienen, den Einflussbereich der Sowjetunion zu vergrößern. Dies scheiterte allerdings an den „griechischen Patriarchen“, die nicht nach Moskau kamen. Aber diese, in sowjetischer Zeit unerfüllten Ambitionen sind nicht verschwunden, sondern leben im heutigen Russland weiter. So war es kein Zufall, dass der russische Präsident Vladimir Putin kurz vor Beginn des Konzils auf Kreta den Berg Athos besucht hat (s. RGOW 6-7/2016, S. 4). Die Mönche platzierten Putin bei der Liturgie an die Stelle der byzantinischen Kaiser und erkannten ihn damit symbolisch als Schützer der Orthodoxie an. Auch die Interpretation des Glaubens ist zwischen Konstantinopel und Moskau nicht identisch. Dazu sind sich beide Kirchen uneins, wer unter welchen Umständen eine orthodoxe Lokalkirche als autokephal erklären darf. Am akutesten ist in dieser Hinsicht die Situation in der Ukraine, wo neben der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat zwei kanonisch nicht anerkannte Kirchen existieren (Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche und Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kiewer Patriarchat). Letztere hat sich 1992 vom Moskauer Patriarchat getrennt und versucht seitdem, die Autokephalie zu erlangen. Die ROK konnte gegenüber Patriarch Bartholomaios durchsetzen, dass die Ukraine-Frage nicht auf der Tagesordnung des Konzils steht (s. RGOW 2/2016, S. 16). Sie hatte aber Angst, dass diese im Laufe des Konzils doch noch auftauchen würde. Auf dieser offenen Plattform wäre es dann sehr schwierig gewesen, die Frage der Kirchenstrukturen in der Ukraine im Sinne Moskaus zu lösen. Von daher war absehbar, dass die ROK das Konzil boykottieren würde.

Um aber nicht als Buhmann dazustehen, war die Unterstützung derjenigen Kirchen vonnöten, die sich mit der ROK „gut verstehen“. So haben letztendlich das Patriarchat von Antiochien sowie die Bulgarische und Georgische Orthodoxe Kirche ihre Teilnahme am Konzil in letzter Minute abgesagt. Wenn man über den Einfluss Russlands spricht, soll man sich diesen nicht so vorstellen, dass jemand im Kreml am Telefon sitzt und den georgischen Geistlichen Anweisungen erteilt. Vielmehr geht es um komplizierte informelle Strukturen, die vor allem im kulturellen Bereich und in der Denkweise wirksam sind. Eine entscheidende Rolle spielt auch der Informationskrieg Russlands. Zudem sind die in Russland ausgebildeten Hierarchen in dieser Problematik häufig nicht neutral.  

Streit um das Ehe-Dokument

Wenn man ehrlich ist, beinhalteten die Dokumente des Konzils von Anfang an nichts Revolutionäres oder etwas, was der Orthodoxie gänzlich fremd wäre. Es gab jedoch einen Punkt in den Konzilsvorlagen, mit dem die GOK nicht nur nicht einverstanden war, sondern den sie bis heute kategorisch ablehnt. Dabei geht um das Dokument: „Das Sakrament der Ehe und seine Hindernisse“. Zum besseren Verständnis muss betont werden, dass von georgischer Seite an der Vorbereitung des Konzils nicht Theologen, sondern vor allem diejenigen Hierarchen teilnahmen, die keine akademische theologische Ausbildung besitzen. Als Berater wurden einige Mönche ausgewählt, die auf dem Berg Athos gelebt haben und somit der griechischen Sprache mächtig sind. Am lautstärksten äußerte sich jedoch eine Gruppe von Ultraorthodoxen, die für ihre fundamentalistischen und isolationistischen Ansichten bekannt ist.[7] Für diese Gruppierung ist jeder, der nicht orthodox ist, zur Verdammnis bestimmt und kein vollwertiger Mensch. Ihrer Ansicht nach dürfen Christen sogar Andersgläubige und Homosexuelle erschlagen. Für sie ist auch Patriarch Bartholomaios ein Erzhäretiker, weil er freundschaftliche Beziehungen mit der katholischen Kirche aufzubauen versucht. Auch die Idee des Konzils war für sie ein apokalyptisches Vorzeichen, so dass diese Gruppe schon im Vorfeld dagegen Stellung bezog: Sollte es stattfinden, würden die Menschen nicht von Plagen und schwerer Last befreit werden und zur Ruhe kommen (Mt 11, 28), sondern das Konzil würde repressive und belastende Folgen für die Gläubigen haben. bildschirmfoto-2016-11-28-um-10-25-24

Bei der Vorbereitungsarbeit zum Dokument über das Ehesakrament ging es um die Frage, ob es erlaubt ist, das Ehesakrament zu spenden, wenn ein Gläubiger einen Nicht-Orthodoxen und gar einen Nicht-Christen heiratet. Die Frage war auf dem IV. und VI. Ökumenischen Konzil streng reguliert worden. Als sich das Christentum im Laufe der Geschichte weltweit ausbreitete, haben lokale Synoden die strikte Regelung mit dem Prinzip der Oikonomia etwas entschärft. Aber in Georgien kam es zu einer gegenteiligen Entwicklung: Weil der georgische König David der Erbauer (1073–1125) das Land Byzanz annähern wollte, wurde auf dem lokalen Konzil in Ruiss-Urbnissi 1105 beschlossen, Mischehen zu verbieten, um somit die GOK eindeutig von der Armenischen Apostolischen Kirche abzugrenzen. Diese historische Erfahrung wurde von georgischen Geistlichen beim Vorbereitungsprozess zum Ehedokument angeführt, um gegen die Einführung von Mischehen zu protestieren. Das Konzil auf Kreta hat dennoch das Ehedokument verabschiedet, dabei aber die Bedenken der GOK berücksichtigt. Letztendlich bleibt die Entscheidung, eine konfessionsverschiedene Ehe zu erlauben, den einzelnen Lokalkirchen überlassen.[8]  

Erste Beurteilungen des Konzils

Bisher hat noch keine offizielle Beurteilung des Konzils durch die GOK stattgefunden. Angeblich will man abwarten, welche Position die ROK bezieht. Diese schweigt aber bis jetzt. Immerhin geben einige Ereignisse Hinweise darauf, wie das Konzil von Vertretern der GOK wahrgenommen wird: Erwähnt sei eine Versammlung von Geistlichen der Eparchie Schemokmedi, die am 11. August 2016 in der Stadt Ozurgeti tagte.[9] Metropolit Iosebi (Kikvadze) ging dabei auch auf das Konzil ein, das seiner Ansicht nach mit Unstimmigkeiten abgelaufen sei – insbesondere, weil das Konzil die Vorschläge der GOK und anderer autokephaler Kirchen abgelehnt habe. Er danke Gott dafür, dass die GOK nicht teilgenommen habe, denn das Konzil rufe die orthodoxen Gläubigen dazu auf, sich mit Andersgläubigen zu einigen. Somit lehne es die sieben Ökumenischen Konzile ab und alle Dogmen, die an diesen Konzilen festgeschrieben wurden. Der Aufruf der Christen zur Einheit sei zugleich der Aufruf zur Unterwerfung unter den Antichrist. In diesem Sinne sei auch das grundlegende Dogma abgeschafft worden, dass die Orthodoxe Kirche die einzig wahre Kirche ist und Jesus Christus ihr Haupt, so Metropolit Iosebi. Von Seiten des georgischen Patriarchats wurde nicht auf diese lokale Bewertung des Konzils reagiert. Vom 25 bis. 28. Juli 2019 empfing das Patriarchat jedoch eine Delegation aus Griechenland, darunter auch die beiden Professoren Theodoros Zisis und Demetrios Tselengidis von der Universität Thessaloniki, die für antiökumenische Positionen bekannt sind.[10] Die Gäste bedankten sich beim Patriarch für die Position der GOK und tauschten ihre Ansichten über das Konzil aus.

Schließlich lässt sich feststellen, dass das Konzil von Kreta die Kluft zwischen der GOK und anderen orthodoxen Kirchen hinsichtlich der Denkweise, Selbstwahrnehmung und des Glaubensverständnisses vertieft hat. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, droht der GOK Isolierung und im schlimmsten Fall ein zwar nicht offizielles, aber faktisches Schisma von der Gesamtorthodoxie. Bleibt man aber hoffungsvoll, so steht zu vermuten, dass die GOK die Dokumente der Orthodoxen Synode von Kreta ratifiziert und sich entsprechend neu positioniert.  

 

Anmerkungen

[1] Thöle, Reinhard: Erdbeben für die Ökumene aus dem Kaukasus?. In: Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim 48, 4 (1997), S. 72-74.

[2] Über den Rang und die Benennung der Versammlung auf Kreta wurde und wird viel diskutiert; offiziell heißt sie: „Heilige und Große Synode der Orthodoxen Kirche (griech. γία κα Μεγάλη Συνόδου τς ρθοδόξου κκλησίας). Der Einfachheit halber verwende ich die kurze Bezeichnung „Konzil“.

[3] http://patriarchate.ge/geo/minutes-of-the-session-of/.

[4] http://patriarchate.ge/geo/the-decree-of-the-holy/.

[5] Open Letter of Georgian theologians to the holy synod of Orthodox Church of Georgia: Support the Holy and Great Council!: https://www.orthodoxcouncil.org/-/open-letter-of-georgian-theologians-to-the-holy-synod-of-orthodox-church-of-georgia-support-the-holy-and-great-council-?inheritRedirect=true.

[6] Vgl. die Rede von Bischof Grigol (Katsia) von Agarak-Tsalka vor dem Hl. Synod, http://www.kreba2016.ge/2016/06/12/die-anrede-des-bischofs-grigol-uber-die-grose-und-heilige-panorthodoxe-synode/.

[7] Franziskus in Georgien. Papst predigt vor leeren Rängen, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/franziskus-papst-predigt-in-georgien-vor-leeren-raengen-a-1114878.html.

[8] Das Sakrament der Ehe und seine Hindernisse. In: Hallensleben, Barbara (Hg.): Einheit in Synodalität. Die offiziellen Dokumente der Orthodoxen Synode auf Kreta 18. bis 26. Juni 2016. Münster 2016, S.62-66.

[9] https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1028060670646569&id=100003279363590.

[10] https://orthodoxethos.com/post/ecclesiastical-delegation-from-greece-meets-patriarch-and-hierarchs-of-the-church-of-georgia.  

Mirian Gamrekelashvili, Doktorand an der
Theologischen Fakultät Universität Eichstätt-Ingolstadt.

 

siehe in: RGOW, Nr. 11/2016: Panorthodoxes Konzil, pp. 20-21.